Anonymous

Der jüngste Angriff auf Facebook wurde abgeblasen, aber der Streit um die Attacke führte innerhalb der Anonymus-Bewegung zu einer Grundsatzdiskussion. „Jeder kann bei Anonymus mitmachen, jeder kann seine Aktionen einbringen“, sagt der 30jährige Niederländer Kees. Seinen Nickname im Netz will er nicht verraten. Auch Kees ist nicht sein richtiger Vorname. Den hat er nur für die Dauer unseres Gesprächs angenommen, genau so wie Ilka und Brian.

Mit Kees, Ilka und Brian habe ich mich unter schon konspirativ zu nennenden Umständen getroffen, um über die Diskussion innerhalb der Anonymus-Bewegung während der vergangenen Wochen zu sprechen und um zu erfahren, wie Anonymus sich künftig aufstellen will.

Die Anonymus-Aktiven sind auf der Suche nach einer zivilgesellschaftlichen Organisationsform. Das scheint nach den Diskussionen des 5. November 2011 noch schwieriger als zuvor.
Kees, etwas älter als 30, von Beruf Systemanalytiker, bezeichnet sich als libertärer Liberaler. Er engagiert sich bei Anonymus, weil er glaubt, dass die Regierungen Europas und der USA die europäischen Freiheitsideale verraten haben. Erträglich scheint ihm die Situation allenfalls in Kanada.

Brian, ein Endzwanziger, wohnt und arbeitet im schottischen Edinburgh und sieht das Problem globaler: „Weltweit werden Bürgerechte abgeschafft, Menschenrechte mit Füßen getreten, Netzressourcen für die Überwachung der Bürger missbraucht“. Anonymus ist nach seinem Dafürhalten die Gegenbewegung dazu.

Enttäuscht gibt sich Ilka, Mitte 20, Philosophie-Studentin an einer deutschen Universität. Sie hat sich Anfang 2011 stark für die Demokratie-Bewegung in Ägypten eingesetzt, hat Ersatzrouter eingerichtet, als das Mubarak-Regime Ägypten zu Teilen vom Internet abgeklemmt hatte, besorgte Serverkapazitäten in Westeuropa und verausgabte sich regelrecht bei der Koordinierung des Netzwiderstands und beim Aufbau einer Infrastruktur für die nordafrikanische Protestbewegung. „Im Ergebnis haben wir nichts bewirkt“, resümiert Ilka. Sie hat sich seit dem Facebook-Sreit etwas zurückgezogen aus der Anonymus-Szene.

Der ohnehin nur sporadische Kontakt, den viele Netzaktivisten in gelegentlichen Chats pflegen, ist noch seltener für Ilka geworden. Einerseits bedauert sie das, „andererseits ist as die notwendige Konsequenz aus der Entwicklung der letzten Wochen“, sagt sie mit etwas Trotz in der Stimme.

„Der Streit um die angekündigte Facebook-Attacke hat gezeigt, dass die Aktionsräume für den Einzelnen bei Anonymus sich verändert haben“, urteilt Brian. In der Folge hätte sich die besonders Aktiven der Occupy-Bewegung zugewandt, um ihren Protest in der analogen Welt hörbarer zu mchen und auch ein wenig aus der Cyber-Ecke herauszukommen.

„Anonymus steht an einem spannenden Punkt“, meint Kees. Entweder gebe sich die Bewegung eine klare Struktur oder sie wende sich wieder den Aktionen Einzelner zu, die sich kurzzeitig zu einer Kampagne verabreden. „Aktionen Einzelner abzulehnen und deren Freiheit damit zu begrenzen ohne klare Legitimation, die immer strukturell verankert sein muss, das geht nicht“, meint Ilka.

So unterschiedlich die Motive nicht nur dieser drei Anonymus-Aktiven sind, in einem Punkt stimmen sie mit vielen Netzaktivisten überein: Anonymus kämpfe für die Freiheit des Netzes und des Individuums. „Deshalb brauchen wir die spektakulären Aktionen, wie im Dezember 2010 gegen Amazon“, betont Brian.

Doch es wurde schwieriger, sich auf solche Aufsehen erregenden Kampfmaßnahmen innerhalb der Anonymus-Bewegung zu einigen. „Vor zwei Jahren haben drei oder vier Aktivisten schnell mal eine Aktion angestoßen und dann haben viele tausend mitgezogen“, blickt Kees zurück. Das habe sich grundlegend geändert. Wenn ein Einzelner mit einer Aktion vorpresche, werde er, wie bei der geplanten Kampagne gegen Facebook, oft schon in der Vorbereitungsphase ausgebremst. „Es fehlen klare Entscheidungsstrukturen“, stellt Ilka nachdrücklich fest.

Bisher seien solche Entscheidungsstrukturen obsolet gewesen. „Die Entscheidung lag bei den Einzelnen, denn: Du bist Anonymus“, meint Ilka. Der Fall Facebook habe aber deutlich gemacht, dass sich diese Kampagnenentwicklung nicht mehr in der gewohnten Form realisieren lasse.

Deshalb versuchen nun einige Anonymus-Aktive zivilgesellschaftliche Strukturen zu entwickeln und zu etablieren. „Anonymus ist zwar eine gut aufgestellte Protestbewegung, die sich für Freiheitsrechte und faire Politikbedingungen einsetzt“, meint Kees, kommt jedoch sofort zum großen „Aber“: „Bisher wurde dieser Protest mehr oder weniger ohne Organisationsform von Einzelnen auf Zeit getragen“. Die Occupy-Bewegung habe aber gezeigt, dass übergreifende Organisationsstrukturen mit langfristigen Zielen unabdingbar seien. „Das haben die Anonymus-Aktiven von ihrem Engagement bei Occupy mitgenommen“, meint Kees.

Wenn Anonymus diese zivilgesellschaftlichen Organisationsformen ausgebildet habe, dann sei die Zeit reif für die nächste Kampagne. „Ihr werdet von uns hören, bald, spätestens im Frühjahr“, meinen die drei Aktiven zum Abschied.

Youtube: https://www.youtube.com/user/AnonymousWorldvoce 

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